Der Bombenkrieg

Als Feuer vom Himmel fiel

Größte Fehlkalkulation

Hitler und Stalin favorisierten im Zweiten Weltkrieg einen Einsatz ihrer Luftstreitkräfte, der primär der Unterstützung des Heeres diente. Die Royal Air Force und die United States Army Air Forces besaßen die technischen Voraussetzungen für einen wirklich „großen“ Einsatz ihrer Bomberflotten.

War der alliierte Luftkrieg gegen Deutschland militärisch sinnlos? War er vielleicht sogar kontraproduktiv? Oder war es am Ende nicht mehr als ein gigantisches Verbrechen? Folgt man der in jeder Hinsicht großen Überblicksdarstellung von Richard Overy über den Luftkrieg im Europa der Jahre 1939 bis 1945, so ist man geneigt, diese Fragen zu bejahen. Overys Urteil hat Gewicht; er ist derzeit einer, wenn nicht der bedeutendste britische Militärhistoriker. Und: Seine Geschichte des Bombenkriegs sucht konzeptionell ihresgleichen.

Köln im Mai 1945:

Hier handelt es sich nicht nur um eine Darstellung des gesamten europäischen Kriegstheaters, Overy geht es immer auch darum, verschiedene Aspekte in dieser „Histoire totale“ miteinander zu verknüpfen: die Perspektive der Bombardierenden wie der Bombardierten, aber auch die Frage, welche Funktion der Krieg aus der Luft in der Großen Strategie der Kriegführenden denn hatte. Das Ergebnis ist ernüchternd. Overy hält die Großoffensiven aus der Luft, „die von Deutschland, England und den Vereinigten Staaten bestritten wurden, für langwierige Unternehmen, Abnutzungskriege bei hohen Verlusten an Menschen und Maschinen, ohne klares Ende und mit einer tiefen Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, eine festgefahrene Westfront der Lüfte. Den eher kleinen Operationen, die die deutsche Luftwaffe in der Sowjetunion oder die italienische Luftwaffe auf dem mediterranen Schauplatz durchführten, mangelte es an Mitteln und an Wirkung. Dies alles stand im Gegensatz zu den Erwartungen und Ankündigungen.“ Im Grunde, so Overy unter Rückgriff auf das Urteil eines amerikanischen Nationalökonomen, der 1945 mit einer abschließenden Beurteilung des westalliierten Luftkriegs beauftragt wurde, sei der Luftkrieg „die größte Fehlkalkulation des Krieges überhaupt“ gewesen.

Dresden 1945

Innenstadt von Dresden nach dem verheerenden Angriff in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1945

Dresden 1945

Dresden am 15. Februar 1945

Diese „Fehlkalkulation“ kostete im gesamten Europa immerhin 600 000 Menschen das Leben, so jedenfalls Overys Schätzung — die toten Flieger noch nicht einmal mitgerechnet. Dabei zeigt sich, betrachtet man wie Overy den europäischen Luftkrieg der Jahre 1939 bis 1945 als Gesamtphänomen, ein seltsamer Widerspruch; mit unserer gängigen Vorstellung von den damals kriegführenden Staaten, ihrer Strategie und vor allem auch ihrem Selbstverständnis hat er wenig zu tun. Obwohl Diktaturen wie Italien, Japan und Deutschland schon früh, bereits lange vor dem September 1939 signalisiert hatten, dass sie einen mitleidlosen Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung führen konnten und auch führen wollten — erinnert sei an Libyen und Abessinien, an Schanghai und an Guernica — , waren es erst die westlichen Demokratien, insbesondere Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika, welche die Möglichkeiten dieser neuen wie schrecklichen Waffe konsequent perfektionierten.

Flying Fortress über Deutschland

Amerikanische »Flying Fortress« über Deutschland

Diktatoren wie Hitler und auch Stalin favorisierten im Zweiten Weltkrieg hingegen meist einen taktisch begrenzten Einsatz ihrer Luftstreitkräfte, der primär der Unterstützung des Heeres diente. Dagegen besaßen die Royal Air Force (RAF) und die United States Army Air Forces (USAAF) die technischen Voraussetzungen, das Konzept und nicht zuletzt auch den Willen für einen wirklich „großen“, strategischen Einsatz ihrer Bomberflotten. Dass dieser „strategische“ Bombenkrieg das zivile Hinterland des Gegners und seine dort lebenden Menschen in einem ganz anderen Maße in Mitleidenschaft ziehen musste, war mehr als nur ein unvermeidlicher „Kollateralschaden“. Das Problem war vielmehr: Die Terrorisierung der Zivilbevölkerung, die Ausschaltung von Arbeitskräften war schon bald auch ein Ziel der britischen Luftkriegsstrategie, der dann die verbündeten Amerikaner zunächst noch zögerlich, dann aber mit zunehmender Entschlossenheit folgten.

Der Alltag des Bombenkrieges

Quelle: youtube /// zdf info

Es ist das Problem dieser Studie, dass sich Overy bei der Beantwortung der ersten Frage, der Frage nach dem militärischen Sinn des Luftkriegs, zu sehr an den viel zu hohen Erwartungen der Vorkriegszeit und auch denen der alliierten Führung orientiert. Natürlich ließ sich ein Konflikt wie der Zweite Weltkrieg nicht allein aus der Luft entscheiden, und natürlich blieben die wirtschaftlichen, psychologischen und militärischen Folgen des strategischen Luftkriegs weit hinter den Hoffnungen seiner Initiatoren zurück.

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Berlin, Brandenburger Tor – Juli 1945

Die Moral einer Massengesellschaft lässt sich nicht allein durch Brand- und Sprengbomben „brechen“. Doch ändert das nichts daran, dass der alliierte Luftkrieg gegen die Achsenmächte immer eine ganz wesentliche Voraussetzung für den Sieg der Alliierten in einem langen, globalen Ringen war, dessen Ergebnis sich unmöglich auf die Wirkung weniger Faktoren reduzieren lässt. Man sollte nicht vergessen, dass die westlichen Demokratien während der Jahre 1940 bis 1943 keine echte Chancen für einen militärischen Sieg in Zentraleuropa besaßen. Es waren allein die Flieger, die in diesen langen Jahren Hitlers Imperium wirklich angriffen. Kaum jemand war auf westalliierter Seite so gefährdet, kaum jemand hatte so hohe Verluste zu verkraften wie die Bomberbesatzungen.

B25

Britische B25 im Einsatz über Deutschland

B-24H Liberator

Ein Crewmitglied der amerikanischen 743rd Bomb Group vor einer B-24H Liberator in typischer Schutzkleidung, Foggia, Italien, 1944 – 45

Und noch etwas sollte nicht vergessen werden, insbesondere mit Blick auf die zweite Frage, die Frage nach der ethischen Berechtigung einer solchen Strategie: Es gab nur wenig, was den Deutschen eine solch eindrückliche Vorstellung von dem vermittelte, was sie selbst in Europa angerichtet hatten - sei es durch Angriffe aus der Luft, sei es durch Angriffe zu Lande - wie eben die Luftschläge von RAF und USAAF. Ein junger deutscher Soldat, der ebenfalls bei Overy zu Wort kommt, hat dies schon damals mit bemerkenswerter Klarheit erkannt; bei seinem Verhör gab er zu Protokoll: „Auf lange Sicht könnten eure Bombardements Deutschland guttun. Sie haben dem Land einen Vorgeschmack gegeben, mag er auch noch so bitter sein, wie der Krieg wirklich ist.“

Text: Christian Hartmann Frankfurter Allgemeine vom 8. Dezember 2014

Der Bombenkrieg

Richard Overy
Der Bombenkrieg
Europa 1939—1945

Aus dem Englischen von Hainer Kober
Rowohlt Verlag
Berlin 2014 — 992 Seiten, 39,95 €


Nichts hat die Zerstörungskraft des Zweiten Weltkriegs so sehr ins kollektive Gedächtnis eingebrannt wie der Bombenkrieg: Mit nie dagewesener Gewalt vernichtete er Dutzende Städte in ganz Europa, 600 000 Menschen starben, Millionen verloren alles; die Ruinen von Coventry oder Dresden wurden zu Symbolen einer technischen, menschengemachten Apokalypse. In der ersten umfassenden Darstellung erzählt Richard Overy die Geschichte dieses Krieges. Er schildert die Anfänge der neuen Strategie des «Moral Bombing», ihre Entwicklung wie schließlich ihr Scheitern, und er deckt zahlreiche Mythen und Irrtümer auf, die bis heute kursieren. Erstmals entsteht ein internationales Gesamtbild, von der Offensive gegen das Ruhrgebiet bis zu den «Baedeker-Angriffen», die unschätzbares historisches Erbe auslöschten, von den deutschen Bomben auf Stalingrad bis zu wenig bekannten Schauplätzen wie Rom oder Bulgarien. Overy zeigt, warum der Luftkrieg trotz Ineffektivität und mörderischer Kosten ausgeweitet wurde, welche Rolle Hermann Göring oder General Harris dabei spielten. Aber auch die kulturellen und menschlichen Verheerungen treten vor Augen, die Not und Hoffnung in den Luftschutzkellern wie bei den Piloten. Richard Overy zeichnet ein monumentales Panorama Europas in dunkler Zeit – das Standardwerk über den Bombenkrieg.